Anne Frank Wochenende


Anne Frank Wochenende, 09/10.03.2019


Wie erklärt man Jugendlichen ab 12 Jahren Bergen Belsen? Ein Teil deutscher Geschichte den die Einen am liebsten sofort vergessen möchten, Andere können ihn nicht vergessen, wir wollen ihn in Erinnerung behalten!


Wir begannen mit unserer Klärung am Samstag, 10.03.19 um 15 Uhr in St. Josef. Neun PfadfinderInnen ab 12 Jahren. „Mad World“ lief; eine Geschichte über Vorurteile im Video; Ruhe. Vorurteile gegenüber Juden, gibt es die auch heute noch?
Ja, fast möchte man sagen, natürlich! Die Vorurteile reichen bis weit ins Mittelalter zurück.


Wir wissen heute, wir können und müssen NEIN sagen, zu Vorurteilen, zu Übergriffen – gegen Juden, gegen Mitschüler, gegen Menschen.

Ein Zeitstrahl verdeutlicht uns die Geschichte. Wir stellen fest, wir haben keine Schuld auf uns geladen. Glück gehabt?!?


Anne Frank, ein junges Mädchen. Hübsch, ein wenig aufsässig. Manchmal frech, verliebt. Gar nicht anders als die Teenies die hier um den Fernseher sitzen und ihre Geschichte hören. Erzählt aus der Sicht des Vaters. Was muss ein Vater empfinden? Margot tot, Anne tot, die Ehefrau in Auschwitz umgekommen. Und immer wieder die Geschichten der Tochter.


Alle sind gefesselt. Bedrückte Gesichter, verstohlene Tränchen, auch bei den Begleitern. Zum Ende des Films grausamste Bilder, von Leichenbergen, abgemagerten Skeletten, Massengräbern.

Eigentlich wollten wir jetzt eine Andacht feiern. Ging nicht. Die Emotionen hielten uns umfasst.
Ein Gebet? Ja, Gebete helfen! Für uns war es der SEGEN von Dietrich Bonhoeffer. Das hat geholfen.


Und die Steine. Wir beschlossen, jeder kann auf Margots und Annes (symbolischem) Grab einen Stein legen, versehen mit einem Wunsch oder einem Gedanken.


Bei unserm gemeinsamen Abendessen ist die Stimmung dann deutlich besser. Wir können auch schon wieder dummes Zeugs reden.



Sonntag geht’s weiter!

Treffen 8:30 Uhr St. Josef. Wieder Essen. Gemeinsames Frühstück, natürlich nach einem Gebet. Können wir prima, beten und essen.
Lunchpackete gebaut und dann ab in die Autos, Richtung Bergen Belsen.
Passendes Wetter hatten wir auch, regnerisch, trostlos. Vor der Führung haben wir genügend Zeit uns ein Bild von diesem Kriegsgefangenenlager / Konzentrationslager zu machen. Das Gedenken lebt. Überall entstehen neue Gedenkstätten. Eltern errichten Steine für ihre Kinder, Enkel für die Großeltern. Überall Massengräber, mal 2500 Tote, mal 4500 Tote. Bedrückend! Ida ist ein wenig erleichtert. Die Bilder gestern waren grausamer, erschreckender. Ein Grabhügel geht. Ich gebe ihr Recht, es wäre wohl nicht zu ertragen.
Wir finden Gedenkplatten für Kinder, polnische, rumänische, keine 3 Jahre alt. Sind die hier geboren? Wir wissen es nicht, allein der Gedanke…


Nach dem Rundgang sind wir feucht, verfroren und hungrig. Wir dürfen uns ins Museumscafé setzen und dort unsere Lunchpakete leeren und uns aufwärmen. Pause bis 14:30 Uhr.


Dann beginnt die Anne Frank Führung. Überwiegend in den Dokumentationshallen. Trocken und halbwegs warm.

Viel von dem, was wir gestern erarbeitet haben stellt Frau von Meding in Ihrer Führung an Beispielen vor. Verladen in Viehwagons, über Tagen stehend, keine Toiletten, kein Essen, kein Trinken. Gepinkelt wird da, wo man steht. Eigentum, eigene Bekleidung gibt’s nicht mehr, wurde ihnen alles abgenommen. Dafür gibt es für die Frauen und Mädchen ein dünnes, graues Kleid. Keine Strümpfe, keine Unterwäsche. Anne und Margot lebten hier. Noch. Anfang 1945. Anne noch im März. Wetter wie an diesem Wochenende. Nass. Kalt. Nicht vorstellbar. Verantwortet von Menschen.


Wir besuchen noch einmal das Grab. Es regnet wieder. Es ist kalt. Die Gruppe ist kleiner geworden. Bei uns nicht. Wir wollen alle noch einmal raus an diesen Platz. Anschließend gehen wir gemeinsam in den Raum der Stille, eine interkonfessionelle Begegnungsstelle. Frau von Meding stellt das erste, vom Vater veröffentlichte, Tagebuch von Anne vor. Der Einband, ein Schnitt von Marc Chagall. Anne und Friedenstaube. Erschreckend schön.

Wir finden uns alle um den improvisierten Altar. Und wieder ein Gebet. Von einem Juden. Von Jesus. Wir sprechen gemeinsam das Vater unser.
Dann der Weg zurück zu den Autos. So ein Wochenende möchten wir noch einmal machen. Mit Eltern?!


Und da wir nicht nur beten sondern auch essen können, gab’s zum Abschluss eine franzisklararische Spezialität, Posiklatschbrötchen! Was das ist? Fragen Sie den nächsten Pfadfinder den sie treffen!
Denn die steigern die Moral ungemein.


Im Schneematsch ging‘s dann Richtung Stade wo wir pünktlich um 19 Uhr eintrafen.



 

Segen

 

Guter Gott, segne meine Hände, dass sie behutsam sind,

dass sie halten können ohne zur Fessel zu werden,

dass sie geben können ohne Berechnung,

dass ihnen innewohnt die Kraft zu trösten und zu segnen.

 

Gott, segne meine Augen, dass sie die Bedürftigkeit wahrnehmen,

dass sie das Unscheinbare nicht übersehen,

dass sie hindurchschauen durch das Vordergründige,

dass andere sich wohlfühlen können unter meinem Blick.

 

Gott, segne meine Ohren, dass sie deine Stimme hören,

dass sie hellhörig sind für die Stimmen der Not,

dass sie sich verschließen für den Lärm und das Geschwätz,

dass sie das Unbequeme nicht überhören.

So segne uns der allmächtige und barmherzige Gott,

der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

Amen

Dietrich Bonhoeffer

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